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Aus dem Klinikverbund Südwest 

22.06.2012 - Klinikverbund Südwest

Pflegekräfte aus Europa

Der Klinikverbund Südwest geht neue Wege um dem Fachkräftemangel zu begegnen

Expertenschätzungen zufolge werden der Gesundheitsbranche bis ins Jahr 2020 wohl weitere 400.000 Fachkräfte fehlen. Eine Entwicklung, die bereits jetzt in den Kliniken im Land deutlich zu spüren ist und auch vor den Häusern des Klinikverbundes Südwest nicht halt macht. „In den vergangenen Jahren hat sich der Fachkräftemangel im Bereich der Pflege dramatisch verschärft“ betont Dr. Elke Frank, Geschäftsführerin des Verbundes und befürchtet, dass sich die Situation noch weiter zuspitzen wird. „Aufgrund der, gemessen an anderen Berufsfeldern, relativ hohen Fluktuation in der Pflege von über zehn Prozent sind wir gezwungen, jedes Jahr weit über 100 Stellen neu zu besetzen.“ Ein deutschlandweites Problem in dem weiblich dominierten Berufsfeld, in dem u. a. die Familienplanung mit den Schichtdiensten nicht leicht zu vereinbaren ist. Aus der eigenen Krankenpflegeschule des Klinikverbundes, eine der größten in Baden-Württemberg mit rund 400 Schülern, werden jährlich ca. 70 bis 80 Absolventen übernommen. Die restlichen offenen Stellen über den deutschlandweit leergefegten Arbeitsmarkt wieder zu besetzen gestaltet sich aber Jahr für Jahr schwieriger.

Selbst die erfolgreichen Wiedereinstiegskampagnen für Mitarbeiterinnen nach der Babypause oder auch die seit 2010 laufende innovative Teilzeitausbildung in der Gesundheits- und Krankenpflege - die damals bundesweit erste Ausbildung dieser Art erstreckt sich über vier anstatt drei Jahre und bietet somit auch Müttern mehr Flexibilität in der Ausbildungsphase – konnte den Bedarf nicht dauerhaft decken. Grund genug für die Verantwortlichen, bei der Suche nach geeigneten Mitarbeitern weitere neue Wege zu gehen, auch über die Staatsgrenzen hinaus. „Zusätzlich zu unseren breit angelegten nationalen  Mitarbeitergewinnungsmaßnahmen dehnen wir unsere Suche nach geeigneten Fachkräften seit Anfang des Jahres ganz gezielt europaweit aus“, so Kerstin Franz, Abteilungsleiterin Personalmarketing und –gewinnung beim Klinikverbund Südwest. Zurzeit ist daher seit Mitte Mai eine Gruppe junger Männer und Frauen, allesamt ausgebildete Gesundheits- und Krankenpfleger/-innen aus Portugal und Süditalien im Stuttgarter Bildungszentrum des Internationalen Bundes fleißig am Deutsch lernen. Unter anderem über Jobmessen in ihren jeweiligen Heimatländern organisiert durch die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung der Bundesagentur für Arbeit (ZAV) und EURES Portugal sowie mit Unterstützung des Internationalen Bundes Stuttgart, knüpfte der Klinikverbund erste Kontakte zu über 130 hochqualifizierten Fachkräften. Am Ende stand die Entscheidung 21 von ihnen einen Arbeitsvertrag anzubieten und in einer Art Pilotprojekt als neue Mitarbeiter in die Kliniken zu integrieren.

„Der Ausbildungsstand der Bewerber aus Portugal und Italien ist aufgrund des dortigen mehrjährigen Studiums mit gutem Praxisbezug überdurchschnittlich und absolut mit Deutschland vergleichbar“, entkräftet Roland Ott, Personalchef des Klinikverbundes Südwest, erste kritische Stimmen, die hinter den neuen Mitarbeitern schlecht ausgebildete Billiglöhner vermuten. „Wir bieten den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern selbstverständlich einen unbefristeten Arbeitsvertrag mit Vergütung nach TVöD.“ Gleiches Geld für gleiche Leistung setzt allerdings neben der fachlichen Qualifikation auch ausreichende Deutschkenntnisse voraus. Begleitet von „Kennenlerntagen“ in den Kliniken steht daher zunächst ein viermonatiger Sprachkurs an gefolgt von einer zweieinhalbmonatigen praktischen Phase als Pflegehelfer. Parallel dazu werden die Sprachkenntnisse dann noch wöchentlich vertieft um sicherzustellen, dass die abschließende Sprachprüfung erfolgreich bestanden wird. Die B2-Sprachprüfung nach Standard des Goetheinstituts ist Eingangsvoraussetzung für die fachliche Anerkennung als Gesundheits- und Krankenpfleger. Hinzu kommen gezielte Einarbeitungs- und Schulungskonzepte sowie die Begleitung durch Mentoren. Ab Anfang 2013 werden die neuen Mitarbeiter dann selbstständig auf den Stationen als Gesundheits- und Krankenpfleger/-innen arbeiten.

Die Perspektivlosigkeit selbst für gut ausgebildete, junge und motivierte Fachkräfte mit Berufserfahrung in ihren Heimatländern sowie zum Teil bereits vorhandene Deutschkenntnisse machten vielen Bewerbern die Entscheidung für Deutschland einfach. Ein wichtiges Kriterium war für die meisten daher auch die Vielfalt im Verbund. „Mehrere Kliniken mit verschiedenen Ausrichtungen vergrößern unsere Karrierechancen und geben Sicherheit“ unterstreicht Helena Mourao ihre Entscheidung für den Klinikverbund Südwest. Nach zwei Jahren im Job als examinierte Krankenpflegerin wurde die 25-jährige im Januar Opfer der Wirtschaftskrise in Portugal und verlor ihren Job. Ähnlich ging es den meisten ihrer Kolleginnen und Kollegen. Einige haben daher ihre Partner gleich mitgebracht, darunter u. a. Ingenieure, die hierzulande ebenfalls händeringend gesucht werden.

Die 23-jährige Antonella Di Napoli aus Italien war dennoch am Anfang skeptisch. „Es gibt leider zu viele schwarze Schafe auf dem Arbeitsmarkt. Zahlreiche unseriöse Arbeitsagenturen versprechen seit Monaten gegen viel Geld eine Jobvermittlung ins Ausland“, weiß sie aus leidvoller Erfahrung in ihrem Bekanntenkreis zu berichten. Erst das persönliche Gespräch mit den Personalverantwortlichen des Klinikverbundes Südwest vor Ort in Neapel ließ sie daher aufhorchen. „Unser Ziel der ausgedehnten Mitarbeiterakquise ist natürlich die Entlastung des vorhandenen Pflegepersonals und die Gewährleistung einer exzellenten Patientenversorgung“, unterstreicht der Pflegedirektor des Klinikverbundes Südwest Joachim Erhardt. „Da wir Geld und Zeit in die neuen Mitarbeiter investieren, haben wir ganz bewusst gezielte, individuelle Gespräche ohne blumige Versprechungen mit ihnen geführt. Wenn das Umfeld, sprich die Familie nicht dahinter steht oder die Bewerber nur aus finanziellen Aspekten einen solchen Schritt erwägen, verlieren wir ansonsten die Hälfte wieder nach wenigen Wochen.“

Die offenen Worte, das Integrationskonzept und die guten Zukunftsperspektiven haben sowohl Antonella als auch deren Mama überzeugt. Seither ist sie Feuer und Flamme für die neue Herausforderung und bei aufkeimendem Heimweh hilft das Internet: Vor Abreise brachte sie ihren Eltern noch Skypen bei, zudem kommen bereits in den Sommerferien bei vielen Freunde und Verwandte auf Stippvisite. Sowohl die portugiesischen als auch die italienischen Pflegekräfte sind sich bisher absolut sicher, den richtigen Schritt für ihren weiteren beruflichen Werdegang gewählt zu haben. Lediglich beim Thema Fußball und dem zukünftigen Europameister gehen die Meinungen dann doch auseinander…

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Letzte Änderung: 09.06.2009