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28.09.2017

Kreißsaal Calw ab Oktober wieder rund um die Uhr geöffnet

Klinikverbund richtet Hebammen-Springerpool ein

Vier Wochen früher als ursprünglich anvisiert sind die samstäglichen Einschränkungen im Kreißsaalbetrieb der Kliniken Calw passé. Ab dem 1. Oktober steht das gesamte geburtshilfliche Angebot wieder uneingeschränkt an sieben Tagen die Woche rund um die Uhr zur Verfügung. „Dank des großen Engagements aller Beteiligter in den vergangenen Wochen und Monaten ist es uns gelungen, zwei neue Hebammen für den Standort Calw gewinnen zu können und somit die Personalsituation wieder zu normalisieren“, so der medizinische Geschäftsführer des Klinikverbundes Südwest, Dr. Jörg Noetzel. Er stellte zudem nochmals klar, dass keinem, weder dem ärztlichen Personal, noch den Hebammen oder der Verwaltung die gemeinschaftlich getroffene Entscheidung zu den Samtagsschließungen in der Vergangenheit leicht gefallen war. „Eine Reduktion des Leistungsangebotes in einer Geburtshilfe ist immer die Ultima Ratio und verständlicherweise sehr emotional besetzt. Letztendlich aber steht immer die Sicherheit von Mutter und Kind im Mittelpunkt, parallel ist es sehr wichtig, das Wohl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Auge zu behalten. In allen Kreißsälen des Klinikverbundes wird mit enormem Einsatz gearbeitet. Aufgrund der hohen Belastung und mehrerer nicht mehr abzudeckender Schichten musste deshalb in enger Abstimmung mit den Mitarbeiterinnen des Kreißsaales in Calw vorübergehend das Leistungsangebot reduziert werden, und zwar idealerweise an einem Tag, an dem erfahrungsgemäß weniger Geburten zu erwarten sind.“

Um erneuten kurzfristigen personellen Engpässen noch besser begegnen zu können, arbeitet der Klinikverbund Südwest bereits seit mehreren Monaten an der Etablierung eines verbundweiten Springerpoolkonzeptes. „Bereits jetzt konnten wir dank der Verbundstruktur den personellen Engpass in Calw zumindest teilweise abfedern. Ohne die bereitwillige Unterstützung der Hebammen aus dem Landkreis Böblingen, in diesem Falle aus Herrenberg, wäre sicher mehr als nur eine Wochenendeinschränkung zu befürchten gewesen und die Rückkehr zum 24/7-Betrieb schon im Oktober auch nicht möglich gewesen“, unterstrich Dr. Noetzel die gute standort- und landkreisübergreifende Zusammenarbeit. „Letztendlich kämpfen aber auch unsere größeren geburtshilflichen Standorte wie Böblingen oder Herrenberg Tag für Tag mit dem bundesweiten Hebammenmangel.“ Perspektivisches Planziel ist es daher, mit drei weiteren, zusätzlichen Hebammenstellen einen flexiblen Springerpool zu etablieren, um Schwangerschaften, Kündigungen oder auch längerfristige Erkrankungen künftig noch besser kompensieren zu können. Dafür rechnet der Verbund mit zusätzlichen Kosten für seine Träger, die Landkreise Calw und Böblingen, von bis zu 200.000 Euro jährlich. „Hier ist weder eine Refinanzierung durch die Krankenkassen möglich, noch eine monetäre Unterstützung seitens des Landes in Sicht und,“ so der Vorsitzende der Geschäftsführung Dr. Noetzel, „die Bereitschaft, Stellen zu schaffen ist das eine, die dafür zusätzlich benötigten Hebammen auf dem leergefegten Arbeitsmarkt zu bekommen, nochmal eine ganz andere.“

Aktuell bleiben Hebammen bundesweit im Schnitt lediglich rund vier bis fünf Jahre in ihrem angestammten Beruf, und rund jede fünfte Klinik in Deutschland hat massive Probleme, alle Hebammenstellen zu besetzen, darunter selbst Maximalversorger in den großen Ballungszentren. Allein in der Region waren in den letzten zwölf Monaten neben Calw u. a. die Kreißsäle in Mühlacker, Freudenstadt, Bruchsal und Bühl (Baden-Baden) zeit- oder blockweise geschlossen. Eine Äußerung hinsichtlich kleinerer geburtshilflicher Abteilungen kam zudem unlängst seitens des baden-württembergischen Sozialministeriums: Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) erteilte dem Gemeinderat Langenau im Alb-Donau-Kreis für die dortige Geburtshilfe in einem Brief eine klare Absage hinsichtlich deren Fortbestandes und sieht gar mit Verweis auf die Kassen „eine qualitativ hochwertige Versorgung erst ab 600 Geburten im Jahr“ als gesichert an.

„Wir sehen das grundsätzlich differenzierter“, tritt Dr. Noetzel dieser Ansicht entgegen. „Im gesamten Verbund kommen jährlich aktuell insgesamt über 5.200 Kinder zu Welt, sei es in Böblingen, unserem Maximalversorger mit Level-1-Perinatalzentrum, in Herrenberg mit angeschlossenem Hebammenkreißsaal oder in unseren ebenfalls seit Jahren als babyfreundlich zertifizierten, kleineren Standorten in Leonberg mit rund 700 Geburten oder eben Calw mit knapp 500 Geburten jährlich. Gerade die familiäre Atmosphäre, welche Häuser dieser Größenordnung vermitteln, wird von vielen Gebärenden sehr geschätzt und gesucht. Trotz aller Bemühungen bleibt das Thema „Fachkräftemangel“, hier im Besonderen der Mangel an Hebammen, aber bundesweit und damit auch für den Klinikverbund ein Thema. „Eine garantierte Sicherheit, dass der Fachkräftemangel in unseren Kliniken nicht eintritt, können wir – bei allem Verständnis für politische und gesellschaftliche Forderungen – nicht geben. Das wäre nicht seriös. Aber klar ist, dass schon seit Längerem alles unternommen wird, um einerseits auftretende Lücken zu schließen und andererseits perspektivisch in Zukunftslösungen zu investieren“, sagt Jörg Noetzel. So konnte der Verbund u. a. vor Kurzem auch erreichen, dass Mitarbeiterinnen aus den geburtshilflichen Abteilungen zukünftig regelhaft am „Runden Tisch“ des Sozialministeriums teil nehmen werden. Dort wird politisch das Ziel verfolgt, ein Versorgungskonzept für Frauen vor, während und nach der Geburt dauerhaft zu ermöglichen.

Um den künftigen Bedarf an Hebammen weiter decken zu können, bietet der Klinikverbund Südwest daher parallel zur intensiven, bundesweiten Personalakquise zusammen mit seiner verbundeigenen Schule für Gesundheitsberufe in Böblingen seit April dieses Jahres erstmalig einen eigenen dreijährigen Ausbildungsgang zur Hebamme respektive zum Entbindungspfleger an. In Kooperation mit der Universitätsklinik Ulm, an deren Akademie die theoretische Ausbildung angeboten wird, werden somit bis 2019 parallel 12 Auszubildende für den Hebammenberuf im Klinikverbund tätig sein, ab 2020 sollen dann Jahr für Jahr vier Hebammen ihre Ausbildung abgeschlossen haben. „Für diesen Ausbildungsgang erhalten unsere Auszubildenden zusätzlich zur Ausbildungsvergütung einen Fahrt- bzw. Mietkostenzuschuss, da die Hebammenschulen in der Region leider aufgrund des drängenden Eigenbedarfs der jeweiligen Kliniken nicht bereit waren, uns Ausbildungsplätze abzutreten“, erläutert Dr. Noetzel die Hintergründe des neuen Ausbildungskonzeptes. „In der Folge prüfen wir aktuell die Möglichkeit, eine eigene Hebammenschule zu eröffnen und damit die Anzahl der Auszubildenden noch weiter steigern zu können. Wir, die Geschäftsführung, alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie unsere Träger sind somit mehr als willens, unsere eigenen Hausaufgaben zu machen – dauerhaft wird das aber nur von Erfolg gekrönt sein, wenn auch die landes- und bundesweite Gesundheitspolitik bereit sein wird, die ihrigen zu erledigen!“