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24.11.2015

Schocktherapie

P.A.R.T.Y. in der Sindelfinger Unfallchirurgie: Mediziner setzen zur Unfallvermeidung bei Jugendlichen auf Abschreckung und Einsicht durch Informationen aus erster Hand.

Die blutüberströmte Jenny wird von den Rettungskräften mittels hydraulischem Spreizer und Rettungsschere aus ihrem völlig demolierten Autowrack geschnitten. Was vor wenigen Minuten noch nach einem vergnüglichen Diskobesuch aussah, endet im Desaster: Abgelenkt von SMS-Nachrichten auf ihrem Handy kam die 18-jährige in den Gegenverkehr und hat soeben drei Menschen schwer verletzt, zwei Kinder zu Waisen gemacht und ihre beste Freundin getötet. Im Gegensatz zur unachtsamen Jenny ist den Ärzten der Sindelfinger Unfallchirurgie spätestens beim Abspielen des nachgestellten Unfallvideos die ungeteilte Aufmerksamkeit der 24 Schülerinnen und Schüler des Böblinger Max-Planck-Gymnasiums (MPG) sicher. Der schockierende Film hat wenig von glorifizierenden Hollywood-Crashorgien a la „Fast & Furious“; er zeigt die Realität drastisch und schonungslos. Er zeigt, dass normale Teilnehmer im Straßenverkehr keine Stuntdoubles sind, die nach dem Dreh unversehrt und freudestrahlend aus den demolierten Autos steigen. Er zeigt, dass physikalische Kräfte vor niemandem Halt machen, schon gar nicht vor nicht angeschnallten Autoinsassen. Er zeigt, dass Unfälle im realen Leben Folgen haben, oftmals schwerwiegende wie Amputation, Querschnittlähmung oder Tod. Große Augen, offene Münder, manche der 15 und 16 Jahre alten Jugendlichen wenden den Blick von der Leinwand ab.
Prof. Dr. Axel Prokop, Chefarzt der Unfallchirurgie am Klinikum Sindelfingen-Böblingen und selbst Vater von Teenagern, weiß um die Wirkung des Videos und der Worte seiner Mitarbeiter im Verlauf des heutigen Tages. „In gewisser Weise sicher harter Tobak, aber wir haben uns nach reiflicher Überlegung und Rücksprache mit den verantwortlichen Lehrern, den Rettungsdiensten und der Polizei ganz bewusst dafür entschieden, das Unfallpräventionsprogramm P.A.R.T.Y. auch hier in der Region einzuführen. Jugendliche, die alt genug sind am Straßenverkehr teilzunehmen, sollten auch zwangsläufig lernen, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen und ihr Risikobewusstsein schärfen.“ Kern des aufwändigen Programms ist dabei der „P.A.R.T.Y.-Tag“, bei dem Schulklassen einen Vormittag in einer Unfallklinik verbringen und dort die verschiedenen Stationen eines Schwerverletzten erleben. P.A.R.T.Y. steht für „Prevent Alkohol and Risk Related Trauma in Youth“. Frei übersetzt geht es um die Prävention von durch Alkohol und risikoreiches Verhalten verursachte Verletzungen bei Jugendlichen. Die Grundidee des Projektes wurde 1986 in Kanada entwickelt und zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie mittlerweile auch in Deutschland etabliert. Junge Menschen erleben so hautnah, was die ärztliche Kunst zu heilen vermag und wo sie ob der Verletzungsschwere versagt. Kurz, was es bedeutet, von jetzt auf gleich aus dem Alltag gerissen zu werden.

Ein straffer Morgen liegt somit vor der Klasse 10c. Spätestens nach den prägnanten Schilderungen realer Einsätze und der Gefahren des Straßenverkehrs von Polizeioberkommissar Frank Hinner vom Polizeipräsidium Ludwigsburg, Referat für Prävention, wünscht sich der ein oder andere vielleicht doch schon lieber in die vergleichsweise entspannte Mathestunde zurück. Und beim anschließenden Besuch auf der Intensivstation dämmert dann auch dem letzten, dass hier das wahre Leben spielt. Herumalbern, wie gerne mal auf Exkursionen üblich, ist fortan tabu. Beatmete Patienten im künstlichen Koma, Überwachungsmonitore voll mit Vitalparametern, akustische Alarmsignale – Partystimmung kommt gewisslich keine auf, die P.A.R.T.Y. ist dennoch ein voller Erfolg. Sehr reflektiert, in sich gekehrt und ernst wirken die Jugendlichen mittlerweile, aber auch wissbegierig auf alles, was mit der medizinischen Versorgung von Traumapatienten zu tun hat. Das vermitteln ihnen nach ausgiebiger Erkundung eines Rettungswagens des Deutschen Roten Kreuzes Oberarzt Dr. Marc Chmielnicki und Assistenzarzt Dr. Fabian Frölich an Ort und Stelle im sogenannten Schockraum der Sindelfinger Unfallchirurgie. Außer der vielen Medizintechnik erinnert hier wenig an die den Schülern vertrauten Eindrücke einschlägiger amerikanischer TV-Serien. Gespielte Hektik und zynisch-humorige Dialoge sucht man hier vergebens. Sachlich, nüchtern, hochprofessionell und konzentriert kämpfen die Ärzte und Pflegekräfte hier tagtäglich um die Leben der eingelieferten Unfallopfer. Kaum Atmung, schwacher Puls, abfallender Blutdruck, innere Verletzungen, multiple Frakturen, hier offenbart sich in wenigen Minuten der Schweregrad eines Traumapatienten, hier stellen sich die Weichen für die weiteren Therapieoptionen und somit oftmals für das weitere Leben.

Jedes Jahr landen rund 20.000 junge Menschen zwischen 15 und 17 Jahren, viele davon nach Unfällen als Mitfahrer im Auto, in den Schockräumen der Republik. Überhöhte Geschwindigkeit,  abgelenkt durch Handy und Beifahrer, mangelnde Erfahrung und Selbstüberschätzung, die Gründe, die ein Leben von einer Sekunde auf die andere dramatisch verändern können, sind allseits bekannt und dennoch selten beachtet. „P.A.R.T.Y. ist aber nicht der erhobene Zeigefinger“, stellt Prof. Prokop klar. „Verbote und Maßregelungen haben die Kids schon im Überfluss und die Erfahrung zeigt, dass wir so auch nicht an sie rankommen.“ Es geht vielmehr darum, ihnen die Konsequenzen unachtsamen und unüberlegten Handels, sei es im Straßenverkehr, beim Feiern oder bei Hobbys, offen darzulegen. „Ziel ist es, dass die Jugendlichen durch das Programm ihr eigenes Bewusstsein erweitern, reflektieren, dass es im Leben keine Resettaste gibt und dann quasi als Botschafter innerhalb ihres Freundeskreises die heutigen Eindrücke und Überlegungen weitertragen: Schnallt Euch an, lasst keine Alkoholisierten ans Steuer, traut Euch den Mund aufzumachen, wenn andere schweigen, kurzum: trefft clevere, mutige und manchmal eben auch unpopuläre oder auf den ersten Blick „uncoole“ Entscheidungen.“

Beim letzten Programmpunkt des Tages fahren die Unfallchirurgen zusammen mit Prothesenspezialist und Orthopädietechniker Harald Kogel sowie dem leitenden Physiotherapeuten an den Kliniken Sindelfingen, Jens Rapp, nochmal harte Geschütze auf. Sozusagen uncool finden nämlich auch deren zwei ehemalige Patienten respektive langjährige Kunden trotz High-Tech-Materialien und perfektem Sitz nachwievor ihre Unterschenkelprothesen, die sie seit vielen Jahren bzw. erst seit wenigen Monaten tragen müssen. Und dennoch haben sie gelernt, damit zu leben, sie als neuen Teil ihres Körpers anzunehmen, der sie wieder am Leben teilhaben lässt und den sie den Schülern beim Abschlussgespräch nun unumwunden demonstrieren. Zwei Menschen, die im wahrsten Sinne des Wortes wieder mitten im Leben stehen, aber ungeschönt den steinigen Weg dorthin nach Monaten im Krankenhaus, mit unzähligen OPs, wochenlangen Rehamaßnahmen und Tagen voller Selbstzweifel vermitteln. Die entwaffnend emotionale Offenheit, mit der sie über ihre Leidensgeschichten sprechen, lassen Berührungsängste bei den Zehntklässlern gar nicht erst aufkommen: Was sind die Erinnerungen an den Motorradunfall, wie fühlt sich der Stumpf an, was sind Phantomschmerzen, welche Einschränkungen haben Prothesenträger im Alltag, wieso kam nie ein Rollstuhl in Frage? Neugierig, aber immer respektvoll und empathisch begegnen die Gymnasiasten den beiden und es wird schnell deutlich, dass die Botschaft, welche die unterschenkelamputierten Patienten den Schülern zum Abschied mit mildem Lächeln mitgeben, wohl noch lange nachhallen dürfte: „Party on, genießt das Leben in vollen Zügen, aber passt dabei auf Euch und andere auf.“