Aus dem Klinikverbund Südwest

Sagen, was Sache ist

11.08.2021

In Simulationen trainieren interdisziplinäre Teams ihr Zusammenspiel. Hier mimt eine Schauspielerin die werdende Mutter, während das Geburtshilfliche und das Team der Anästhesie gemeinsam die Notfallsituation durchspielen

Im Simulationstraining zeigt es sich: man nimmt manchmal etwas an – was aber gar nicht den Tatsachen entsprechen muss. Ein klassischer Denkfehler. Solche Fehler wie auch typische Kommunikationsfehler sind es vorrangig, weshalb Mitarbeiter im Klinikverbund Südwest regelmäßig trainieren.

Dr. Jennifer Jerges, Oberärztin, Fachärztin für Anästhesie sowie Notfall- und Intensivmedizinerin, übernahm als zentrale Stelle die Organisation und Veranstaltung von sogenannten Simulationstrainings. Das Letzte fand im Kreißsaal Herrenberg statt, zur Freude von Chefärztin Dr. Ines Vogel.

Schauspielerin Miriam Skowronek, ausgebildete Hebamme, brüllt aus Leibeskräften. Mit einem Rucksack vor dem Bauch, in dem eine Babypuppe steckt, wird simuliert, wie ein Kind zur Welt kommt – mit dem Kopf voraus, wie es sein soll. Nur die Schulter bleibt stecken und will sich nicht lösen, eine sogenannte Schulterdystokie ist eingetreten. Eine Stresssituation pur, denn die Mutter windet sich vor Schmerzen, die Hebamme muss Hilfe herbeitelefonieren. In kürzester Zeit sind eine weitere Hebamme, neben der Assistenzärztin noch die Oberärztin hinzugekommen. Sie versuchen mehrere Lösungsmanöver, doch die Wehen drücken das Kind nur immer mehr gegen die Beckenknochen. Es hilft alles nichts, die Anästhesie muss dazu geholt, eine Notfallnarkose eingeleitet werden. Nun, da sich der Körper entspannt und keine Wehen mehr verkrampfen, lässt sich das Kind leichter holen. Eine kurze Kontrolle am Baby-Überwachungsplatz zeigt: Mutter und Kind sind wohlauf, die Situation gelöst. Zeit fürs sogenannte Debriefing, die nachträgliche Besprechung und Analyse des durchgespielten Szenarios.

In solchen Simulationen trainieren Teams ihr Zusammenspiel. Im Klinikverbund Südwest beauftragte man Oberärztin Dr. Jennifer Jerges, als unternehmensinterne Koordinatorin mit Unterstützung der Firma AMS Medizinische Seminare, solche Simulationen nun regelmäßig durchzuführen: „Es geht es vor allem um die Kommunikation im Team und eine effektivere interprofessionelle Zusammenarbeit, damit die medizinische Fachkompetenz den Patienten auch erreicht, erklärt sie. „Weiß jeder, um was sich der andere gerade kümmert? Wer hält den Kontakt zur Patientin? Wer holt das angeforderte Instrument? Lieber einmal innehalten und kurz abklären, was Sache ist!“

Simulationsteamtrainings nützen unmittelbar der Patientensicherheit, weil sie kritische Momente offenbaren. Zum Beispiel der Moment, in dem weitere Fachkräfte hinzugerufen werden: Sie können beim Betreten des Raumes nicht wissen, was bereits alles versucht wurde. Assistenzärztin Anja Sautter, Teilnehmerin des Trainings, betont deshalb: „Alle, die schon Anwesenden wie diejenigen, die später zum Notfall hinzukommen, müssen denselben Notfall und denselben Status vor Augen haben. Das heißt, wir müssen laut aussprechen, was wir gerade tun. Jemand muss die neu Hinzugekommenen informieren, wo das Team steht. Anweisungen müssen laut, klar und unmissverständlich kommuniziert werden.“ Anja Sautter ist schon seit 1996 in der Herrenberger Klinik und weiß aus Erfahrung, wie schwer das ist: „In Stresssituationen, unter Zeitdruck neigt jeder dazu, Fehler zu machen. In solchen Trainings geht es aber nicht darum, die Fehler des Einzelnen aufzudecken, sondern darum, Fehler im Zusammenspiel der Teams zu entdecken, zum Beispiel zwischen Geburtshelfern und Anästhesisten.“ Dr. Ines Vogel, Chefärztin der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Herrenberger Krankenhaus, ergänzt das: „Besonders wenn Teams verschiedener Fachdisziplinen zusammen kommen und handeln, ist es wichtig, klar zu kommunizieren und sich zu kennen.“ Und noch ein Punkt ist ihr wichtig: „Es geht auch darum, wie wir generell mit Fehlern umgehen, um unsere Fehlerkultur. Wir wollen offen und konstruktiv sein, uns stetig verbessern.“ Und sie erläutert einen dritten wichtigen Aspekt: „Man trainiert extreme Situationen, solche, vor denen man vielleicht sogar Angst hat und die vielleicht einmal im Leben eines Arztes oder einer Pflegekraft bzw. Hebamme vorkommen. Eine Schulterdystokie kommt schon mal vor. Aber dass das Kind so festsitzt, dass nur noch die Notfallnarkose als Lösung bleibt, das ist ein so seltener Fall, dass man damit vielleicht einmal im Berufsleben konfrontiert ist. Es ist aber in Notfällen für einen selbst ungemein hilfreich, schon mal einen solch extremen Notfall bis zum Ende durchgespielt zu haben, weil man dann weiß, es gibt immer noch etwas, das zur Lösung getan werden kann.“

Solche Lerneffekte lassen sich jedoch nur erreichen, wenn möglichst viele Mitarbeiter die Chance haben, zu trainieren oder aber wenigstens zuzuschauen, denn auch dabei lässt sich sehr viel lernen. Mit einer unternehmenseigenen Trainerin lässt sich das gut bewerkstelligen: „Ich habe den Überblick, kann Trainings schnell und unbürokratisch organisieren“, erklärt Dr. Jerges. „Wenn ein Team schon mal ein Training hatte und weiß, worum es geht, lassen sich auch spontan kleine Trainingseinheiten durchführen, die kaum Zeit benötigen. Teilnehmer für eine Stunde aus ihrem Dienstplan herauszulösen, ist einfacher, als wenn ein halber Tag eingeplant werden muss. Dies ist aber noch Zukunftsmusik.“