Der Aufsichtsrat des Klinikverbunds Südwest (KVSW) hat in einer Sondersitzung am 24. Februar 2026 beschlossen, die im Rahmen der Medizinkonzeption 2030 vorgesehene Verlagerung der stationären Geburtshilfe vom Krankenhaus Leonberg an den Standort Böblingen zeitlich vorzuziehen. Ursprünglich war geplant, dass die Geburtshilfe Leonberg nach Fertigstellung des Flugfeldklinikums im Jahr 2028 dorthin umziehen sollte. Die Umsetzung erfolgt nun bereits zum 1. April 2026. Die operative Gynäkologie wird unter Führung des Teams der Böblinger Frauenklinik um Chefarzt Prof. Dr. Stefan Renner weiterbetrieben.
„Wir sehen uns gezwungen, mit dem früheren Umzug der Geburtshilfe von Leonberg nach Böblingen einen Baustein der Medizinkonzeption zeitlich vorzuziehen“, so der Böblinger Landrat und Aufsichtsratsvorsitzende des Klinikverbunds Südwest, Roland Bernhard. Zeitlicher Auslöser sei der bevorstehende Weggang des Chefarztes Dr. Praski zum 31. März 2026. Die Chefarztstelle sei ordnungsgemäß ausgeschrieben worden. „Das Verfahren hat jedoch gezeigt, wie schwierig es unter den gegebenen strukturellen Rahmenbedingungen ist, eine tragfähige Nachbesetzung zu realisieren. Das ist bedauerlich, zwingt uns aber zu anderen Überlegungen. Vor den Hintergründen der personellen Stabilität, steigenden Qualitätsanforderungen und sinkenden Fallzahlen sind die bestehenden Strukturen so nicht zu sichern.“
Die strukturellen und medizinischen Rahmenbedingungen entwickelten sich zunehmend schwierig. 2025 lag die Geburtshilfe in Leonberg mit 457 Geburten deutlich unter der allgemein anerkannten Schwelle von 500 Geburten pro Jahr. Diese Zahl markiert einen Qualitätsindikator, weil höhere Fallzahlen mit einer höheren Routine und Sicherheit gleichgesetzt werden.
„Die Personalie bestimmt den Zeitpunkt – die strukturellen und qualitativen Rahmenbedingungen bestimmen die Notwendigkeit dieser Entscheidung“, erklärt Alexander Schmidtke, Geschäftsführer des Klinikverbunds Südwest. „Dauerhaft niedrige Fallzahlen, zunehmende Abhängigkeit von Honorarkräften und steigende Anforderungen an Qualität und 24/7-Verfügbarkeit lassen sich auch durch eine erfolgreiche Nachbesetzung allein nicht lösen. Unsere Verantwortung ist es, Risiken frühzeitig zu erkennen und aktiv zu steuern. Qualität und Versorgungssicherheit haben immer oberste Priorität.“
In der Geburtshilfe sei nicht der Normalfall entscheidend, sondern der seltene, hochkritische Ausnahmefall, betont Prof. Renner, Chefarzt der Frauenklinik Böblingen und Sprecher des Fachzentrums Gynäkologie im Klinikverbund Südwest: „Sicherheit entsteht durch Routine, stabile und eingespielte Teams sowie die unmittelbare Verfügbarkeit aller notwendigen Fachdisziplinen – insbesondere Neonatologie, Anästhesie und Intensivmedizin. Diese Voraussetzungen sind an einem Perinatalzentrum Level 1, wie wir es in Böblingen haben, dauerhaft und in vollem Umfang gegeben. Die Bündelung der Geburtshilfe hier erhöht die Versorgungssicherheit für Mutter und Kind in der gesamten Region.“ Der Standort Böblingen verfügt über hohe Fallzahlen, interdisziplinär eingespielte Teams und eine umfassende neonatologische Infrastruktur. Für Patientinnen aus Leonberg ist Böblingen in rund 20 Minuten erreichbar. Zudem strebt die Böblinger Geburtshilfe die Einrichtung eines hebammengeführten Kreißsaals an – ein bewährtes Konzept, das bislang bereits in Leonberg angeboten wurde und künftig neben Nagold auch in Böblingen etabliert werden soll.
Die Verlagerung der Geburtshilfe Leonberg ist Teil der Medizinkonzeption 2030. Mit dem aktuellen Beschluss wird dieser Schritt zeitlich vorgezogen. Darüber entschied der Aufsichtsrat des KVSW im Rahmen seiner Zuständigkeit. Die operative Gynäkologie, die gemäß der Konzeption ebenfalls perspektivisch verlagert wird, bleibt zunächst am Standort Leonberg erhalten. Die Verlagerung wird dann erfolgen, wenn es die medizinischen, personellen und strukturellen Rahmenbedingungen erfordern.
„Mir ist bewusst, welche hohe emotionale Bedeutung eine Geburtshilfe für die Menschen hat. Eine solche Entscheidung trifft niemand leichtfertig“, so Bernhard abschließend. „Wir ziehen diesen Schritt nun bewusst vor und sichern eine hohe medizinische Qualität, indem wir unsere Fachkräfte an einem Standort zusammenführen und die Kompetenz für Mutter und Kind bündeln. Am Ende muss die Sicherheit und das Wohl von Mutter und Kind Vorrang vor allen anderen Überlegungen haben. Diese Verantwortung ist nicht verhandelbar.“
