Bereits 2023 haben die Landkreise Calw und Böblingen mit dem KVSW früh, mutig und vorausschauend gehandelt, die Medizinkonzeption 2030 entwickelt und beschlossen – zu einem Zeitpunkt, an dem viele andere Verbünde noch auf die Krankenhausreform des Bundes gewartet haben. Rückblickend hat sich diese Entscheidung als richtig erwiesen: Der Verbund und die beiden Landkreise haben seitdem konsequent an der Umsetzung gearbeitet, wichtige Grundlagen geschaffen und spürbare Fortschritte erzielt. So konnte das wirtschaftliche Defizit des Klinikverbunds auf einem hohen Niveau stabilisiert werden. Die Prognose für 2025 bestätigt diese Entwicklung und zeigt, dass die eingeleiteten Maßnahmen zur wirtschaftlichen Ergebnisverbesserung erste Früchte tragen.
Zudem wurden neben dem Aufbau verbundweiter Zentren für Geriatrie, Radiologie und perspektivisch auch Neurologie sowie weiteren Maßnahmen zur Konzentration und Spezialisierung im Sinne der Medizinkonzeption 2030, etwa am Standort Herrenberg bereits wichtige bauliche Weiterentwicklungen angestoßen, die die Umwandlung in ein integriertes Gesundheitszentrum unterstützen.
Grundlage war eine Machbarkeitsstudie für den Standort Herrenberg, die für verschiedene Varianten einer Generalsanierung des Krankenhauses mit einem Zeithorizont von 30 Jahren Kosten i.H.v. 90 bis 150 Mio. Euro errechnet hatte. Eine derart hohe Summe kurzfristig zu investieren ist haushaltswirtschaftlich nicht darstellbar gewesen und auch angesichts des Gebäudealters nicht zweckmäßig. Daher hatte der Kreistag eine Perspektive für die kommenden zehn bis 15 Jahren geschaffen und hierfür jährlich drei Millionen Euro bis 2030 für bauliche Maßnahmen eingeplant (dies gilt gleichermaßen auch für Leonberg).
Gleichzeitig haben sich die Rahmenbedingungen seit 2023 deutlich verschärft – medizinisch, personell, wirtschaftlich und regulatorisch. Neue Vorgaben des Gemeinsamen Bundesausschusses zur Notfallversorgung, der Rückzug der Kassenärztlichen Vereinigung aus Teilen der ambulanten Notfallversorgung, der anhaltende Fachkräftemangel und wirtschaftliche Belastungen machen eine Fortschreibung einzelner Bausteine erforderlich.
Landrat Helmut Riegger, Aufsichtsratsvorsitzender des KVSW, erklärt:
„Wir haben 2023 bewusst Verantwortung übernommen, statt abzuwarten. Ohne diesen Schritt wäre die Lage des Verbunds heute deutlich schwieriger. Gleichzeitig müssen wir anerkennen, dass sich Rahmenbedingungen weiter verändern. Unser Auftrag bleibt klar: Wir sichern eine hochwertige Versorgung in öffentlicher Trägerschaft – und dafür müssen wir Entscheidungen kontinuierlich und verantwortungsvoll weiterentwickeln, wenn dies erforderlich ist.“
Anpassungen am Standort Herrenberg
Der Aufsichtsrat hatte im Sommer die Geschäftsführung beauftragt, die betriebliche Umsetzung des Medizinkonzepts zu prüfen. In der jüngsten Sitzung (27.11.) wurden nun die Ergebnisse präsentiert und beschlossen. Anpassungen aufgrund veränderter gesetzlicher und personeller Rahmenbedingungen erfährt besonders der Standort Herrenberg. Dort wird ab dem 2. Quartal 2026 ein modernes integriertes Gesundheitszentrum (IGZ) aufgebaut. Der Landkreis Böblingen hat hierfür jährlich drei Millionen Euro bis 2030 für bauliche Maßnahmen eingeplant.
Für die geplante geriatrische Rehabilitation und die medizinnahe Kurzzeitpflege am Standort Herrenberg wurden verschiedene Umsetzungsvarianten geprüft – jeweils mit dem klaren Ergebnis, externe Partnerschaften anzustreben. Derzeit laufen dazu intensive Gespräche mit verschiedenen möglichen Kooperationspartnern, die bereits ihr Interesse bekundet haben.
Das integrierte Gesundheitszentrum in Herrenberg wird künftig umfassen:
- 40 Betten der internistischen und allgemeinmedizinischen Basisversorgung inklusive 4-6 Betten der stationären Palliativversorgung.
- ein ambulantes OP-Zentrum für den Gesamtverbund
- geriatrische Rehabilitation (30 Betten; bevorzugt in Kooperation)
- Kurzzeitpflege (30 Betten; Kooperation vorgesehen)
- breites ambulantes Angebot und MVZ-Strukturen
- tagesambulante Notfallversorgung mit klarer Steuerung über Rettungsdienst, Leitstelle und digitale Patientenlotsen
Damit entsteht in Herrenberg ein attraktiver, wohnortnaher Gesundheitsstandort, der viele Anliegen direkt vor Ort abdecken kann und Patientinnen und Patienten bei Bedarf gezielt an die spezialisierten Bereiche im Verbund weiterleitet.
„Allerdings sind im Vergleich zur ursprünglich 2023 beschlossenen Medizinkonzeption in Herrenberg zwei wesentliche Anpassungen notwendig“, erläutert Bernhard: „Erstens muss die ursprünglich geplante stationäre Palliativversorgung mit 20 Betten angepasst werden. Aufgrund der unklaren gesetzlichen Rahmenbedingungen, der fehlenden Finanzierungsgrundlagen und der medizinischen und personellen Realisierbarkeit wird die Palliativversorgung künftig mit 4-6 Betten in die internistische/allgemeinmedizinische Basisversorgung integriert. Damit bleibt die Palliativmedizin dauerhaft gesichert – in einer Größe, die fachlich sinnvoll, personell machbar und wirtschaftlich tragfähig ist.“
„Herrenberg war bereits 2023 der Standort mit den größten strukturellen Herausforderungen. Die damaligen Kompromisse waren nur umsetzbar, weil bestimmte Voraussetzungen gegeben waren – insbesondere der Erhalt der KV-Notfallpraxis und der Betrieb einer 24/7-Notfallversorgung. Beides ist heute nicht mehr möglich, da die KV ihre Notfallpraxis zum Monatsende schließt und auch die Notaufnahme unter den neuen gesetzlichen Vorgaben fachlich und personell nicht mehr aufrechterhalten werden kann“, bedauert Landrat Bernhard.
Die damals vorgesehene 24/7-Notaufnahme kann aufgrund der neuen bundesrechtlichen Vorgaben, des Wegfalls der KV-Notfallpraxis und der personellen Rahmenbedingungen nicht mehr umgesetzt werden. Stattdessen wird eine tagesambulante Notfallversorgung eingerichtet – mit klaren Zuweisungswegen über Rettungsdienst und Leitstelle, der erweiterten Rettungswache vor Ort mit einem zusätzlichen Rettungswagen sowie enger Anbindung an die stationären Notaufnahmen in Nagold und im Flugfeldklinikum.
Geschäftsführer Alexander Schmidtke sagt: „Ein Festhalten am damaligen Modell wäre heute weder fachlich noch rechtlich möglich. Aus heutiger Sicht müssen wir eingestehen, dass wir damals in unserem intensiven Dialog- und Beteiligungsprozess Kompromisse und Zugeständnisse eingegangen sind, die sich in der Rückschau als zu weitreichend erwiesen haben. Wir haben angepasst an die weiter verschärften Rahmenbedingungen eine moderne und tragfähige Lösung erarbeitet, die für die Patienten und Mitarbeitenden verlässliche Perspektiven bietet..“
Landrat Roland Bernhard ergänzt: „Das integrierte Gesundheitszentrum wird ein starker, wohnortnaher Gesundheitsstandort für die Region Herrenberg bleiben. Der KVSW wird den eingeschlagenen Kurs konsequent weiter fortsetzen, um die Krankenhausversorgung in der Region langfristig in öffentlicher Trägerschaft zu sichern und weiterzuentwickeln – in hoher Qualität und wirtschaftlich tragfähig.“ Die Medizinkonzeption 2030 bleibt der strategische Rahmen, wird jedoch – wie von Beginn an vorgesehen – regelmäßig überprüft, an veränderte Bedingungen angepasst und weiterentwickelt. Der Verbund befindet sich in einem langfristigen Transformationsprozess, der verantwortungsvolle Steuerung, Transparenz und kontinuierliche Weiterentwicklung erfordert, um die Krankenhausversorgung in öffentlicher Trägerschaft dauerhaft zu sichern.
Zusammen mit einer stringenten internen Restrukturierung und dem konsequent verfolgten Ergebnisverbesserungsprogramm, legt dieser Dreiklang der Transformation, die Basis, um den KVSW langfristig wirtschaftlich tragfähig aufzustellen und gleichzeitig die Strukturen und Prozesse effizient auf die Medizinkonzeption hin auszurichten; für eine hochwertige und patientenorientierte Gesundheitsversorgung in der Region.
Das weitere Vorgehen sieht vor, dass die beiden Kreistage in Böblingen und Calw qua Zuständigkeit die Anpassungen des Medizinkonzepts in ihren jeweiligen Sitzungen im Dezember beschließen.
