Naturkatastrophen, größere Schadensereignisse und die veränderte weltpolitische Sicherheitslage infolge militärischer Konflikte stellen auch die medizinische Versorgung vor neue Herausforderungen. Insbesondere bei einem Massenanfall von Verletzten (MANV) kann es notwendig werden, innerhalb kurzer Zeit eine große Zahl schwer oder lebensbedrohlich verletzter Menschen zu versorgen. Die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) und die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) haben deshalb auf Initiative der BG Kliniken und des Sanitätsdienstes der Bundeswehr die Qualifikation „Notfallchirurg – Krisen- und Katastrophenlagen“ entwickelt. Im Mittelpunkt steht eine besonders breite chirurgische Handlungskompetenz. In außergewöhnlichen Einsatzlagen kann es erforderlich sein, dass Chirurginnen und Chirurgen zunächst auch Verletzungen behandeln, die über die Grenzen ihres eigentlichen Fachgebiets hinausgehen. Für einen Unfallchirurgen kann dies beispielsweise bedeuten, neben schweren Verletzungen des Bewegungsapparats auch lebensbedrohliche Blutungen sowie Verletzungen von Gefäßen, Bauch- oder Brustraum zunächst chirurgisch zu beherrschen oder die Erstversorgung schwerer Brandverletzungen einzuleiten. Das Curriculum vermittelt dafür Kenntnisse und praktische Fähigkeiten aus verschiedenen chirurgischen Disziplinen. Neben der strukturierten Versorgung Schwerverletzter gehören unter anderem Gefäßtraumatologie, Verletzungen des Brust- und Bauchraums, und die Versorgung Schwerbrandverletzter zu den Ausbildungsinhalten. Voraussetzung für die Zertifizierung sind zudem umfangreiche praktische Erfahrungen in der Schwerverletztenversorgung sowie der Nachweis definierter operativer Eingriffe. „In einer Ausnahmesituation zählt vor allem, innerhalb kürzester Zeit die richtigen Entscheidungen zu treffen und lebensbedrohliche Verletzungen zunächst sicher beherrschen zu können – auch dann, wenn sie nicht zum täglichen Schwerpunkt des eigenen Fachgebiets gehören“, sagt Prof. Dr. Axel Prokop. „Diese breite chirurgische Erfahrung ist nicht nur für Krisen- und Katastrophenlagen relevant. Auch im normalen Klinikalltag können wir jederzeit mit komplexen Notfällen konfrontiert werden, bei denen genau diese Fähigkeiten für die Erstversorgung eines Patienten entscheidend sind.“ Prof. Dr. Axel Prokop ist Chefarzt der Klinik für Unfallchirurgie am Standort Sindelfingen des Klinikverbunds Südwest (KVSW). Die neue Qualifikation ergänzt seine langjährige Erfahrung in der chirurgischen und unfallchirurgischen Versorgung und erweitert die am Standort vorhandene Expertise insbesondere für außergewöhnliche Notfallsituationen und einen möglichen Massenanfall von Verletzten. Die Fortbildungsreihe „Notfallchirurg – Krisen- und Katastrophenlagen“ wurde von den beteiligten Fachgesellschaften Ende 2024 vorgestellt und 2025 als neues Qualifizierungsangebot etabliert. Ziel ist es, erfahrene Chirurginnen und Chirurgen gezielt auf Situationen vorzubereiten, in denen eine schnelle, fachübergreifende und ressourcenorientierte Versorgung Schwerverletzter erforderlich ist.
