Aus dem Klinikverbund Südwest

Wenn aus einem Infekt ein Notfall wird

07.09.2026

Am 13. September ist Welt-Sepsis-Tag, am 17. September der Tag der Patientensicherheit. Da eine Sepsis aus einem – meist bakteriellen – Infekt heraus entsteht, ist es wichtig, insbesondere bei geschwächten, älteren oder chronisch erkrankten Patienten diesen Infekt im Blick zu haben. Im Klinikverbund Südwest helfen standardisierte Abläufe, schnelle Diagnostik und kurze Wege dabei, eine beginnende Sepsis frühzeitig zu erkennen.

Eine Blasenentzündung, eine Lungenentzündung, eine infizierte Wunde: Was zunächst nach einem lokal begrenzten Infekt aussieht, kann sich innerhalb kurzer Zeit zu einem lebensbedrohlichen Notfall entwickeln. Eine Sepsis wird umgangssprachlich häufig als „Blutvergiftung“ bezeichnet. Tatsächlich handelt es sich um eine lebensbedrohliche Organdysfunktion, die Reaktion des Körpers auf die Infektion gerät außer Kontrolle. Ausgangspunkt kann nahezu jede Infektion sein. Das Tückische daran: Gerade zu Beginn ist sie nicht immer eindeutig zu erkennen. Zum Welt-Sepsis-Tag am 13. September macht der Klinikverbund Südwest deshalb auf die Warnzeichen aufmerksam – und darauf, warum bei einem Verdacht jede Stunde zählt.

„Wird ein Patient bei uns aufgenommen, machen wir routinemäßig ein Screening. Auch, wenn der Patient wegen eines anderen Krankheitsbildes oder einer Verletzung eingeliefert wird“, erklärt Prof. Dr. Hubert Mörk, Chefarzt des Zentrums für Gastroenterologie / Onkologie Nagold. „Wir erheben den sogenannten qSOFA-Score, er berücksichtigt drei Parameter: einen systolischen Blutdruck von 100 mmHg oder weniger, eine erhöhte Atemfrequenz von mindestens 22 Atemzügen pro Minute sowie eine neu aufgetretene Verwirrtheit oder Bewusstseinsveränderung. In Verbindung mit einer vermuteten Infektion können diese Auffälligkeiten wichtige Hinweise auf eine Sepsis geben.“ Besteht der Verdacht, beginnt die weitere Diagnostik unmittelbar. Blut und Urin werden untersucht, um Hinweise auf die Infektion und den möglichen Erreger zu erhalten. Ein Vorteil sind dabei die kurzen Wege innerhalb des Klinikverbundes: Das KVSW-eigene Labor kann wichtige Untersuchungsergebnisse schnell zur Verfügung stellen.

Auf sämtliche Befunde zu warten, wäre bei einem begründeten Sepsisverdacht jedoch zu riskant. „Wenn wir eine Sepsis vermuten, verlieren wir keine Zeit“, erklärt Prof. Mörk. „Wir nehmen die notwendigen Proben ab und beginnen dann mit einer kalkulierten Antibiotikatherapie, es kommt ein Breitband-Antibiotikum zum Einsatz, um den Erreger zu bekämpfen, noch bevor wir ihn tatsächlich kennen. Denn je länger eine Sepsis unbehandelt fortschreitet, desto größer ist die Gefahr, dass Organe geschädigt werden und schließlich versagen.“ Tatsächlich gehört im Zentrum für Gastroenterologie / Onkologie in Nagold die Sepsis zum medizinischen Alltag: Sie tritt sowohl als Hauptdiagnose als auch begleitend zu anderen Erkrankungen regelmäßig auf. Knapp 100 Fälle werden jedes Jahr allein im Zentrum für Gastroenterologie / Onkologie in Nagold behandelt.

Besondere Aufmerksamkeit ist bei Menschen geboten, die aufgrund ihres Alters oder bestehender Erkrankungen weniger Reserven haben. Dazu gehören insbesondere ältere, mehrfach oder chronisch erkrankte Menschen. Bei ihnen können Infektionen zudem weniger typisch verlaufen. Prof. Mörks Kollege, Dr. Andreas Ostermeier, Chefarzt des Zentrums für Anästhesie und Intensivmedizin Sindelfingen, Böblingen, rät, bei einer deutlichen Verschlechterung des Allgemeinzustandes nicht zu lange abzuwarten: „Wenn ein älterer oder vorerkrankter Mensch mit einem Infekt plötzlich auffallend schwach oder verwirrt ist, oder sein Zustand sich deutlich verschlechtert, muss das zügig medizinisch abgeklärt werden.“ Zeit ist ein entscheidender Faktor. „Die Sepsis ist ein sehr komplexes und hochdramatisches Krankheitsbild. Patienten, die eine Sepsis überstanden haben, kämpfen häufig über längere Zeit hinweg mit Beeinträchtigungen. Wir führen kontinuierlich interdisziplinäre Schulungen durch, zusätzlich auch Symposien mit externen Referenten, wie zuletzt im Frühjahr dieses Jahres. Die Kenntnis aktueller Forschungsergebnisse, langjährige Erfahrung und eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit sind grundlegend für eine erfolgreiche Therapie.

Patientensicherheit beginnt mit dem Erkennen von Risiken

Nur wenige Tage nach dem Welt-Sepsis-Tag wird am 17. September der Welttag der Patientensicherheit begangen. Beide Aktionstage verbindet damit eine zentrale Botschaft: Gute und sichere Medizin zeigt sich nicht erst dann, wenn eine Erkrankung eindeutig diagnostiziert ist. Sie beginnt bereits damit, mögliche Risiken frühzeitig wahrzunehmen, Veränderungen systematisch zu erfassen und im Verdachtsfall schnell zu handeln.

Standardisierte Scores, festgelegte diagnostische und therapeutische Abläufe, leitliniengerechtes Handeln und das Zusammenspiel verschiedener Berufsgruppen schaffen im Klinikverbund Südwest dafür wichtige Voraussetzungen. Sie helfen den Behandlungsteams, auch eine Gefahr zu erkennen, die nicht auf den ersten Blick erkennbar ist.

Auch Patientinnen und Patienten sowie Angehörige können zur Sicherheit beitragen: Infektionen sollten insbesondere bei älteren, chronisch oder mehrfach erkrankten Menschen aufmerksam beobachtet werden. Verschlechtert sich der Allgemeinzustand deutlich oder kommen Warnzeichen wie Verwirrtheit, Atemnot beziehungsweise auffällig schnelle Atmung oder Kreislaufprobleme hinzu, sollte rasch medizinische Hilfe gesucht werden.